Keksdose Wiedermann

Keksdose Wiedermann

Keksdose Wiedermann 2560 1667 Sölring Museen Sylt

Friesenkekse aus Westerland

Mai 2019

Ein Stück Sylt für Zuhause

„Dieser großväterliche Betrieb hieß Wiedermanns Wiener Kaffeegarten“. Claretta Cerio (geb. 1927), die Enkelin des Westerländer Kaffeehaus Betreibers Otto Wiedermann, berichtet in der Autobiografie „Mit Bedenken versetzt“ eindrucksvoll aus ihrer Sylter Kindheit und den damit verbundenen Erlebnissen im großväterlichen Kaffeegarten. Der Hotelier und Konditor Wiedermann kam aus Weimar, wo er Besitzer des Thüringer Hofs war. Er heiratete die Westerländerin Klara Wünschmann, die zu diesem Zeitpunkt eine Ausbildung im Hotelbetrieb absolvierte. Ende des 19. Jahrhunderts zog es beide von Thüringen nach Westerland, wo Wiedermann 1896 in der oberen Strandstraße den legendären Wiener Kaffeegarten eröffnete. Das Museumsobjekt des Monats Juni ist eng verknüpft mit Wiedermanns Kaffeegarten und Claretta Cerio beziehungsweise ihrem Vater. Das Objekt ist eine Versandkiste von Wiedermann’s Friesen Kekse. Diese Kekse wiederum sind nach Clarettas Aussage nicht auf Otto Wiedermann zurückzuführen, wie es immer zu lesen ist, sondern auf ihren Vater. Wie es dazu kommen konnte, schildert sie in ihren Erinnerungen eindrucksvoll und ausführlich. Ihr Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg zunächst in Frankreich und dann in Russland, wo er sich schwere Verletzungen zu zog. Zurück in Westerland musste er der Inselenge wieder entfliehen und entschloss, sich in Berlin zum Kunstmaler ausbilden zu lassen. Als Maler unternahm er Studienreisen und strandete dabei auf Capri, wo er seine zukünftige Frau kennen lernte.

Professionalisierung der Friesenkekse

Die Hochzeit ist das entscheidende Detail, das das junge Ehepaar nach Westerland zwang. Damit er die Hochzeit finanzieren konnte, machte Ernst bei seinem Vater Schulden und verpflichtete sich in diesem Zuge, den elterlichen Betrieb in Westerland für zehn Jahre zu führen. Um den Betrieb aus wirtschaftlich schwierigen Fahrwasser zu bringen, verbesserte er die Vermarktung der Friesenkekse, die sein Vater bereits im Betrieb anbot. Sein Ziel bestand darin, den vielen Sylter Badegästen eine Freude für Zuhause zu bereiten. So konnten sich alle Sylt-Liebhaber auch zu Hause den Genuss verschaffen und die Vorfreude auf den kommenden Urlaub Sylts bereits zu Hause versüßen. Denn Ernst Wiedermann entwickelte das „Versandkaufhaus für Friesen-Keks“. Dazu konstruierte er auch die passende Maschine, die die Kekse im großen Stile fertigen konnte. Außerdem entwarf er die passende Verpackung – eine blecherne Keksdose – und deren Gestaltung. Heute lassen sich nur noch wenige dieser rechteckigen und in verschiedenen Größen erhältlichen Verpackungen auffinden. 24 cm in der Länge, 18 cm in der Breite und 8 cm Höhe misst die Dose und beinhaltete etwa zwei Pfund Friesenkekse. Sie ist praktisch, schützt gegen Staub, Feuchtigkeit und eignet sich in der Tat sehr gut zum Versand. Die liebevolle Illustration sorgte sicherlich in vielen Haushalten dazu, dass nach dem Verzehr der Kekse die Dose weiterhin mindestens als Andenkenobjekt im Haushalt einen Platz finden konnte. Die Farben Meerblau gepaart mit einem Cremeweiß zieren die Schachtel. Die Unterseite und Randflächen werden von dem satten Blau großflächig dominiert, das durch das weiße Krakelee seine Bestimmung erhalten soll und somit an den feinen Wellenschaum der Nordsee erinnert. Auf dem Deckel dominiert das Logo von Wiedermann’s. „Versandhaus für Friesen – Keks“. Dort wurde es als gesetzlich geschützte Marke aufgedruckt und mit dem bekannten Heringsymbol sowie dem damit eng verbundenen nordfriesischen Spruch „Rüm Hart klar Kimming“ ergänzt. Irritierend wirken zunächst die Embleme an den Seiten, die auf die Goldene Medaille „Bäckerei & Konditorei Ausstellung 1892 Großherzogin Sophie von Sachsen“ verweisen. Diese lassen sich darauf zurückführen, dass Otto Wiedermann diese Auszeichnung für eine Leistung als Konditor während seiner Weimarer Zeit erhielt und sie im weiteren Verlauf verwendete.

Friesenkekse für unterwegs!

Ernst Wiedermann professionalisierte seinen Versand schnell. Stellte Konditoren ein und da er Künstler war, fiel es ihm auch nicht schwer, die Werbeplakate für die Friesenkekse zu entwerfen. Um den Verkauf noch zu verstärken, positionierte er „eine hübsche Verkäuferin in friesischer Tracht mit einem Tragladen“ am Westerländer Bahnhof, die den Abreisenden nicht nur „Friesenkekse für unterwegs!“ zurief, sondern diese den Passanten auch verkaufte.

Mit Bedenken versetzt. Ein Leben zwischen Capri und Sylt

Die hier vorgestellte Dose befand sich viele Jahre in einem Berliner Haushalt und erfüllte nach der Entnahme der Kekse die umweltfreundliche Funktion, weitere Lebensmittel im Küchenschrank zu beherbergen. Die Reise der Dose führte zunächst nach Freiburg, bevor sie 2017 die Sammlung der Sölring Museen erreichte und nun dauerhaft auf die spannende Geschichte der Wiedermann’s Friesen Kekse und der dazugehörigen Familiengeschichte verweist. Anlass genug über diese internationale Beziehung einer Sylter Familie zu berichten. In der Vortragsreihe des Freundeskreis Sölring Museen stellte Silke von Bremen im Sylter Museum die jüngst neu aufgelegte biografische Erzählung „Mit Bedenken versetzt“ von Claretta Cerio vor. Diese Erzählung gibt Einblicke in Tiefsinnigkeit und Humor von Claretta und einer bedeutsamen Sylter Familiengeschichte.

Inventarnummer: 2017-090
Datierung: um 1925
Material: Metall, Lack
Maße: 24x18x8 cm (lxbxh)
Technik: gestanzt, gebördelt, gelötet, lackiert
Hersteller: Lurecawerke Altona
Standort: Sölring Museen/Sylter Heimatmuseum, Depot

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