Ewer S.B.16

Ewer S.B.16

Ewer S.B.16 2000 1694 Sölring Museen Sylt
Model des Ewer S.B.16 aus dem 20. Jahrhundert

Februar 2019

Es ist irgendwie ein Klassiker! Gelegentlich tauchen sie immer wieder auf, diese ominösen „Dachbodenfunde“ und fördern die tollsten Schätze ans Licht. Haus verkauft und den Boden nicht geräumt. Und in einem alten Sylter Seefahrerhaus kommen dann wunderbare Dinge zu Tage. Wie das Modell eines Ewers, das eben solch ein Dachbodenfund ist und glücklicherweise seinen Weg ins Museum fand. Ewer, das sind die Plattboden Küstenschiffe, wie sie einst zwischen Niederelbe und auf der Nordsee eingesetzt wurden.

Eingesetzt wurden diese Ewer zu Fracht- und Transportfahrten. In den Vierlanden das Gemüse und in Nordfriesland dann verstärkt als Fischer-Ewer. Der Ewer „S.B.16“ zu den Fischerewern. Die Angabe „S.B.“ steht dabei für „Schleswig-Holstein Blankenese“. Auch für das plattdeutsche soll es eine Übersetzung für „s.b.“ geben. Danach heißt es „seil bedächtigt – segel vorsichtig!“

Das große Vorbild des beschriebenen Modells muss Ende des 19. Jahrhunderts vom Stapel gelaufen sein. Leider fehlen bislang noch die einzelnen Hintergründe. Es lässt sich trotzdem einiges über den Typ Ewer bestimmen. Nicht zuletzt über die bislang erhaltenen und aufwendig restaurierten traditionell geriggten Segelschiffe, die durch begeisterte Segler und Freunde des Gaffelriggs gepflegt und am Leben erhalten werden.

Der Keitumer Museumsewer ist ein Zweimaster mit Gaffeltakelung und einem Vierkanttoppsegel. Die Segel des Modells sind in braunem Segelstoff und weiß umsäumt. Der Besanmast trägt ebenfalls ein Gaffelsegel und am Top die Flagge Schleswig-Holsteins. Ganz akribisch hat der unbekannte Modellbauer den Ewer „S.B.16“ nachgearbeitet. Die filigranen Schiffsblöcke sind mit feinem Kupferdraht eingebracht. Anker und Ruderanlage sind ebenfalls detailgenau ausgearbeitet. Selbst die erforderlichen Seitenschwerter, die hinter den Wantrüsten am Rumpf aufgehängt sind, fehlen nicht. Die recht klobig gebauten Plattbodenschiffen können aufgrund ihres Einsatzortes keinen Kiel einsetzen. Dieser wird durch die Schwerter ersetzt. Bei Seitenwind sind diese Schwerter für den Ewer unersetzbar und sorgen dafür, dass er weniger Abdrift hat und dadurch seinen Kurs besser hält. In diesem Fall muss das leeseitige Schwert herabgelassen werden, sodass das Schiff vom Wind gegen das Seitenschwert gedrückt wird.  Binnenewer bevorzugen oft kurze, breite Schwerter, die in sehr flachen Kanälen und Seen noch Seitenführung geben. Der Ewer S.B.16 hat als seegehendes Fahrzeug lange und schmale Schwerter. Im gesenkten Zustand sind die Schwerter stromlinienförmig und werden nach unten hin dünner.

Das Modell erweckt den Eindruck, dass es jederzeit auf die Reise gehen kann. Die Segel sind bereits gesetzt. Erfunden haben das Gaffelsegel die Holländer, seine Verbreitung fand es ab dem 17. Jahrhundert. Das Segel hat die Form eines unregelmäßigen Vierecks. Der Name kommt von der Gaffel, das ein am unteren Ende gabelförmiges Rundholz (Spiere) ist und an eine Gabel erinnert. Dieses greift um den Mast wie eine „Klaue“. Das Segel wird zwischen dem Baum und der Gaffel gespannt, indem die Gaffel schräg nach oben gezogen wird. Das Gaffelsegel war allen anderen Segeln seiner Zeit weit überlegen und gehörte bis ins vorige Jahrhundert zu den leistungsfähigsten.

Eine historische Abbildung um 1910 zeigt den „Ewer S.B.36“ im Husumer Hafen beim Löschen von Fisch. Möglicherweise lief der „S.B.16“ auch den Husumer Hafen an – im besten Fall mit Sylter Mannschaft, das Bild müsste dann dasselbe gewesen sein.

Jedoch war die Fahrt auf dem Ewer entlang der Küste oder auf See nicht nur Vergnügen. Die Naturgewalten setzten den Schiffen immer stärker zu, so dass hohe Verluste bei Material und Besatzung zu beklagen ist. Auch die fortschreitende Industrialisierung um die Jahrhundertwende sorgte für ein Verschwinden dieses Schiffstypus.

Das Schiff in der Flasche

Versteckt und geschützt befindet sich in der Museumssammlung ein weiterer Ewer. Ausgestellt hinter Glas in einer kleinen Flasche mit dänischer Flagge gekennzeichnet. Ein Ewer in der Technik des Buddelschiffbaus. Dieses Modell ähnelt dem „S.B.16.“ Ebenfalls dargestellt mit einer Gaffeltakelung, Vierkanttoppsegel und Besanmast. Zusätzlich ist dieser Ewer in Aktion vor einer Halliglandschaft beim Fischen dargestellt. Der Westerländer Hans Farenburg fertigte über die Jahre zahlreiche Buddelschiffe an, bei denen nicht nur das Schiffsmodell in der Flasche aufgebaut wurde, sondern gleichzeitig auch die dazugehörige Kulisse. Dabei entstanden unterschiedliche Kulissen, die sich an der schleswig-holsteinischen Küste wiederfinden lassen – bis hin nach Sylt, wo beispielsweise die Munkmarscher Werft thematisiert wird. Die Detailgenauigkeiten im Gesamtwerk gehen bei den Buddelschiffen noch weiter als beim Ewermodell S.B.16. der Fall ist. Landschaftsvorsprünge, Architektur und Seehunde finden sich wieder. In der Museumssammlung befinden sich 35 Modelle in Spirituosenflaschen. Es ist eine Kunst für sich, wie diese kleinen Schiffsmodelle durch den engen Flaschenhals „segeln“ und im Flascheninneren wieder aufgeriggt werden. Diese beiden Modellbauten zeigen eindrucksvoll, wie sich zeitgenössisch der Geschichte bedient werden kann und die Faszination und Kreativität dabei keine Grenzen kennt.

Inventarnummer: 2019-057
Datierung: 20. Jahrhundert
Material: Holz, Stoff, Metall, Kunststoff
Maße: 38,5 x 48×12,7 cm
Technik: gesägt, geschliffen, verleimt, Metalltechnik, genäht
Hersteller: unbekannt
Standort: Sölring Museen/Sylt Museum, Depot

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