Höhensonne

Höhensonne

Höhensonne 3543 2367 Sölring Museen Sylt
Höhensonne „Astralux – Baby“ aus den 1950/60 er Jahren

April 2019

„Jede korrekte Bekanntschaft beginnt damit, daß man einander mit Namen kennenlernt.“ So beginnt das Begleitheft des Ufo-förmigen Gegenstandes, des „Astralux – Baby“ – dem Museumsobjekt des Monat April. So steht es da und sucht die Bekanntschaft: rund und inzwischen ein verblichenes weiß mit silbernem Firmenemblem auf der Oberseite, einer schwarzen Bodenplatte aus Kunststoff und an der Front einen schwarzen Knauf, um das Ufo zu öffnen. Der Käufer erhielt selbstverständlich zum Kauf die blaue Plastiktasche, in die, wie es „in vornehmen Häuern üblich ist“, das Familienwappen geprägt ist. Nachdem die 1,2 Kilo schwere Höhensonne in der Tasche verstaut war, konnte der Nutzer das Gerät mittels der bequemen Trageschlaufe auch nach Sylt in den Urlaub mitnehmen – sollte die Sonne mal ausbleiben. Astralux erhebt jedoch den Anspruch, „Erzeugnisse von höchster Qualität“ zu erzeugen und dies fängt bereits bei den trickreichen Erfindungen an. Daher verpasst Astralux dem Trageriemen noch einen Druckknopf, um die Weite der Schlaufe zu verringern.

Alles ganz im Stil der 1950er Jahre.

Die „flotte blaue“ Plastiktasche und die Höhensonne ließen sich heute auch in einem gut sortierten Retro-Designgeschäft vorfinden. Ein elektrischer Haushaltsartikel, der in Vergessenheit geriet und für das bessere Verständnis zum Glück mit einer Gebrauchsanleitung aufwartet. Gleich auf der ersten Seite erfährt der Käufer die unschlagbaren Vorteile, mit denen das Produkt vor 60 Jahren angepriesen wurde: „Meine Bestimmung ist, Dir Gesundheit und Wohlergehen zu schaffen, Dich – selbst an den trübsten, regnerischen und nebligen Herbst- und Wintertagen – immer frisch, schaffensfroh und sportlich gebräunt zu erhalten.“ Auch ausführliche Informationen über das Herzstück des Brenners erhält der Leser. Dies bilden der stabförmige Quartzbrenner und der dahinterliegende kreisförmige Infratotstrahler. Dabei wurde reiner Bergkristall verwendet, da dieser als einziger die kurzwellige UV-Strahlung nahezu ungehindert durchlässt und die hohen Temperaturen aushält.

Medizinisches Gerät oder strahlende Schönheit?

Die Astralux Baby – Höhensonne war jedoch keine Neuerfindung. Bevor die Kunstsonne als Heimsolarium genutzt wurde, diente sie einem anderen Zweck. Um 1900 erfand der Chefentwickler von Original Hanau die Quarzglas-Quecksilberlampe. Da Quarzglas ultraviolette und infrarote Strahlung durchlässt, erzeugte die Lampe bis dahin unbekanntes Licht. Eigentlich als Straßenlampe angedacht, nahm das UV-Licht auf Grund der therapeutischen Lichtquelle seinen Siegeszug zunächst in der Medizin. Da UV-Licht das lebensnotwendige Vitamin D bildet, gelang es mit der Bestrahlung durch ultraviolette Strahlen die „Armutskrankheit“ Rachitis prophylaktisch zu bekämpfen. In den 1920er Jahren behandelten die Ärzte kollektiv ganze Schulklassen mit UV-Licht, im Krankenhaus wurden bereits Säuglinge mit der Höhensonne bestrahlt. Sanatorien und Badeanstalten richteten spezielle Zimmer für die Bestrahlung ein. Gleichzeitig setzten die Ärzte die Lampe unter anderem zur Heilung von Hautkrankheiten, Entkeimung von Wunden und zur Behandlung bei Bluthochdruck ein.

Teintverbesserung, tonisierende Kur und Steigerung der Attraktivität

Bis Ende des 19. Jahrhunderts galt die „vornehme Blässe“ als Schönheitsideal und damit als besonders erstrebenswert. Die gesellschaftliche Elite war nicht gezwungen, körperliche Arbeit im Freien nachzugehen. Mit der Industrialisierung und Verstädterung setzte ein Umdenken ein. Der sonnengebräunte Körper signalisierte Gesundheit und Sportlichkeit. Dies machte in den 1950er Jahren aus dem medizinischen Gerät einen kosmetischen Konsumartikel. Astralux wirbt damit, dass es die Sonne in das Heim bringt, „genauer gesagt, den biologisch wichtigsten Teil des natürlichen Sonnenlichts und noch einiges mehr: nämlich wohlig wärmendes Infrarot und heilkräftiges Ultraviolett.“

Die Höhensonne strahlt deutlich mehr kurzwellige UV-Strahlen aus, als die Hochgebirgssonne selbst. Knapp zwei Minuten Bestrahlungszeit reichen aus, um die Intensität eines mehrstündigen Sonnenbades unter der kräftigen Hochgebirgssonne zu erreichen. Die modische Sonnenbräune eines Kurzurlaubes war nun auch von zu Hause aus in wenigen Minuten erhältlich. Die regelmäßige UV-Bestrahlung wurde nachdrücklich empfohlen, da nicht nur ein frischer, gesunder und sportlicher brauner Teint erreicht wurde. Der eingangs erwähnte Selbstanspruch von Astralux wird erneut hervorgehoben: die Bestrahlung mit UV steigere eben auch das körperliche und geistige Leistungsvermögen. Es fördere den ruhigen und tiefen Schlaf, den normalen Appetit und beseitige nervöse Störungen, wirke gegen alle Erscheinungen der „Lichtmangelkrankheit“ vor. Zuletzt gibt es den Rundumschlag: „die wohltuend wirkende Umstimmung für den ganzen Organismus, wobei die höhere Wertigkeit der Sexualhormone – die ihrerseits eine wesentliche Steigerung des Lebensgefühls nach sich zieht – vielfach ins Gewicht fällt“.

Wärme als wesentlicher Heilfaktor

Weiterhin trumpften die Bräunungsstrahler zusätzlich mit ihrer sehr guten wärmetherapeutischen Wirkung durch die Infrarot-Funktion auf. Die Infrarot-Wärmestrahlen dringen unmittelbar in den Körper ein und erwärmen nicht nur – wie etwa ein Heizkissen – die oberen Hautschichten, sondern auch die darunterliegenden tieferen Hautschichten. Die Infrarotstrahlen sollten bei allen möglichen Krankheiten und Schmerzen helfen. Auch Sportlern wurde bei Sehnenzerrungen, Quetschungen und Schwellungen das Gerät empfohlen.

Risiken und Nebenwirkungen

Der Betrieb von Höhensonnen war nicht ganz ungefährlich. Die UV-Bestrahlung bzw. das Infrarotlicht waren nur mit Schutzbrille zulässig. Gleichzeitige Anwendung von schmerzunterdrückenden oder schmerzstillenden Mitteln wurde nicht empfohlen, da die „große Gefahr besteht, daß man während der Bestrahlung einschläft, oder aber, daß der Körper gegen die Hitzeeinwirkung gefühllos wird.“ Bei der Bräunungsfunktion musste darauf geachtet werden, dass das Gesicht während der Bestrahlung bewegt wird, „da sonst die vorspringenden Teile des Gesichtes, als vor allen Dingen die Nase, zuviel des Guten erhalten.“

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