Bierkrug | Landschaftliches Haus

Bierkrug | Landschaftliches Haus

Bierkrug | Landschaftliches Haus 1555 2560 Sölring Museen Sylt
Bierkrug

Oktober 2018

Der Sylter „Biirkrük“

Alljährlich um diese Jahreszeit heißt es wieder „O’zapft is!“ Nicht nur in Bayern stehen die größten gefüllten Humpen auf dem Tisch. Auch hierzulande werden die zarten Pilsgläser (Biirgleesen), die sonst das Jahr über dominieren, gegen die massiven Maßkrüge kurzzeitig eingetauscht. Im Sylter Friesischen heißen diese dann aber „Biirkrük“ und „O’zapft is!“ dann „Biirfat“ – das Bierfass.
Das 25. Museumsobjekt des Monats aus dieser Serie geht mit dem Oktoberobjekt in die dritte Jahresrunde. Grund genug um anzustoßen! Vorgestellt wird heute daher en wit sölring Biirkrük. Einer aus Steingut in kegelstumpfartiger Form mit Scharnierdeckel, verziert mit Reliefs und mit blau bemalten Segelbooten sowie einer Windmühle. 24 Zentimeter misst der Krug in der Höhe. Der mittlere Ring hat einen Durchmesser von 12,5 Zentimeter. Der klappbare Deckel ist mit einem Messingverschluss und Gummiring versehen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass der Krug sehr gut das Bier transportieren und lagern kann und daher eine Zwischenfunktion einnimmt. Diese Funktion erfüllte der Krug im Landschaftlichen Haus in Keitum.

Der in Archsum geborene Kapitän Theide Peter Clemenz (1736-1815) erbaute das Haus 1764 und stellte das Gebäude ab sofort auch für Sitzungen des Sylter Rates – der Kommunalverwaltung –  und des Sylter Vereins zur Verfügung. 1817 gründete sich dort der Sylter Verein, der Vorläuferverein der Söl’ring Foriining. Zwei Jahre später rief der Verein die Sylter Lesebibliothek ins Leben und erfüllte damit auch einen Punkt seiner Satzung. Eines seiner Ziele war das gesellige Vergnügen und allgemeine Wohl der Insulaner zu stärken.

Auch Maren Thies Clemenz war das gesellige Leben ein Anliegen, denn sie sorgte dafür, dass das Haus ein ordentliches Wiartshüs (Gastwirtschaft) wurde. Das ältestes des Ortes Keitums, das bis zum Verkauf 2009 bestand. Dieser, nicht nur für die Insulaner, öffentliche und bedeutsame Raum des geselligen Vergnügens ist seitdem bedauerlicherweise verschwunden.

Doch bis zu diesem Zeitpunkt bekamen die Zusammenkommenden den Humpen voller Bier von Clemenz auf den Tisch gestellt, so dass der Inhalt in kleinere Gefäße aufgeteilt werden konnte. Also doch nichts mit wildem Oktoberfest und großen Krügen. Wobei der Maßkrug in den Gasthäusern letztlich dazu diente, die Menge auf ein genaues Maß – einen Liter – zu messen. Parallel dazu gilt die Einheit „Seidel“ für die Menge eines drittel Liters Bier. Der irdene Bierkrug mit der Bezeichnung Seidel bestimmt wie bei der Maß und der halben Maß gleichzeitig auch die bestellte Menge an Bier.


Man sieht es ihm an. Einige Jahre hat der Keitumer Krug bereits hinter sich und auch dieser ist nicht beliebig hergestellt, sondern in seiner Form und seinem Fassungsvermögen genau definiert und geschützt. Auf der Unterseite stempelte der unbekannte Hersteller „Deutsches Reichs-Patent“ auf. Dieses Amt bzw. dessen Vorläufer wurde 1877 in Berlin als „Kaiserliche Patentbehörde“ gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, wurde es in „Reichspatentamt“ umbenannt und bestand in dieser Form bis 1945. Weit weg von Sylt und ihrem ursprünglichen Standort Berlin, nahm die Behörde zur Oktoberfestzeit 1949 in München wieder ihren Betrieb auf.

Bier ist nicht gleich Bier

Bier wird schon seit vielen Jahrtausenden von der Bevölkerung konsumiert und spielte im Alltag der Menschen bis weit in die Neuzeit eine wichtige Rolle. Aus Gründen der Konservierung enthielten die Lebensmittel im Mittelalter wesentlich mehr Salz, als dies heute der Fall ist. Eine Folge war, dass die Menschen einen höheren Bedarf an Flüssigkeit hatten. Kaffee, Tee und Limonade standen noch nicht zur Verfügung. Bier stellte daher für alle Altersgruppen die einzige Alternative zu Milch und dem oft ungenießbaren Wasser dar und war somit der wichtigste Durstlöscher im Mittelalter. Außerdem war das Bier nicht nur Durstlöscher, sondern sättigte auch – das sprichwörtliche „flüssig Brot“. Aus Studien lässt sich ablesen, dass im späten Mittelalter ein Erwachsener seinen Bedarf an Kalorien zu 60-75% aus Bier, Brot und Grütze deckte, was bis zu vier Liter Bier pro Tag bedeutete. Spätestens an dieser Stelle muss gesagt werden, dass das Bier wesentlich weniger Alkohol enthielt, als es heute der Fall ist und auch nicht annähernd so aromatisch schmeckte. Bis etwa 1520 wurde das Bier nämlich unverhopft getrunken, was das Prinzip von „Ale“ Bier ist. Mit der Zugabe von getrockneten Hopfenähren zur gemälzten Gerste explodierte ab dem 16. Jahrhundert auch das geschmackliche Erlebnis.

Wein und Branntwein spielten erst deutlich später eine Rolle. Später, als das Landschaftliche Haus das gesellige Leben zelebrierte. Bleibt die Frage, was Kapitän Clemenz und seine Seemänner auf See tranken? Die Sylter Walfänger im Nordmeer versorgten sich in erster Linie mit Tee oder Kaffee, was auch einen zusätzlichen Proviant an entsprechend viel Wasser und Feuermaterial mit sich zog. Tee und Kaffee galt meist als Privatproviant und wärmte nach der schweren Arbeit die müden Knochen der Seemänner. Dennoch, Dünnbier war immer in großen Mengen an Bord und Branntwein gab es nur in Ausnahmefällen. Etwa nach einer geglückten Jagd oder wenn das anstrengende flensen eines Wales erledigt war. Wobei dann der ein oder andere Seemann das „flüssige Brot“ oder noch lieber eine gute Mahlzeit bevorzugt hätte. Sünhair

Inventarnummer: 2009-280
Datierung: erstes Drittel 20. Jahrhundert
Material: Steingut, Metall
Maße: 24×12,5×7 cm (hxdxd)
Technik: gebrannt, glasiert
Hersteller: unbekannt
Standort: Sölring Museen/Sylt Museum, Ausstellung

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