Schuhleiste 1739

Schuhleiste 1739

Schuhleiste 1739 2560 1566 Sölring Museen Sylt
Schuhleiste von 1739

April 2018

Für die Anfertigung von Schuhen vermisst der Schuhmacher zuerst mit der Schieblehre die Füße der Kunden. Danach sucht er die Leisten aus, die er durch Aufnageln von Lederstücken den individuellen Maßen anpassen kann. Mit Kneip und Lederschere schneidet er aus dem Oberleder die Form für den Schuhschaft aus. Diese Teile werden mit Ahle und Pechdraht zusammengenäht. Der Schuhmacher zieht dann den fertigen Schaft mit verschiedenen Zangen über den Leisten – der Vorgang wird als „zwicken“ bezeichnet. Im Anschluss nagelt und klebt er die Brandsohle auf dem Schuheisen, die äußere Sohle und die Absatzflecke an den Schaft. Der letzte Schritt sieht das ausputzen des Schuhs vor, d.h. er wird abgeraspelt, geglättet und gewachst. Alles Schnee von gestern – oder auch nicht? Die Industrialisierung hat zwar im Schuhhandwerk wesentliche Prozesse über die Jahre entscheidend verändert. Der lokale Schuhmacher ist verschwunden – die Leiste ließ sich jedoch nicht ersetzen.

1739 ließ sich Albart Dirks seine Leiste anfertigen. Diese besonders elegant geschwungene Leiste befindet sich neben einer zweiten wunderschönen Damenschuhleiste von 1779 in der Sammlung der Sölring Museen. Der Name, der sich am Schaft kunstvoll eingeschnitzt vorfindet, aber auch die Leistenlänge von rund 27 cm lassen darauf schließen, dass es sich um einen männlichen Besitzer handelte. Außerdem muss er wohlhabend gewesen sein, da er eine eigene Leiste besaß und die außergewöhnliche Leistenform auf einen hochwertigen Schuh schließen lässt. Nach dem Namen Dirks liest sich in der Signatur der Hinweis „74“, der möglicherweise auf das Geburtsjahr Albarts verweist. Einen Albart Dirks lässt sich in den Quellen nicht finden – sofern er überhaupt auf Sylt lebte. Sylter Schuhmacher bzw. Schuster sind jedoch über neunzig bekannt. Die Quellen sind in der Berufsbezeichnung ungenau und unterscheiden nicht immer zwischen Schuster und Schuhmacher. In Archsum widmete sich unter anderem der Schuster Jacob Jacobsen Hein (1769-1846) dem Schuhwerk, in Morsum Peter Boy Andersen (1872-1936), Peter Hans Simonsen (1835-1894), Manne Peters Sparbohm (1787-1871), in Westerland Claas de Vries (1861-1911), Johann Wulschke (1866-?), in Tinnum Peter Nicolay Wachsmuth, in Wenningstedt Matthias C. Rinken (1849-1922), in Keitum Jacob Friedrich Topf (1729-1809), Boh Andresen (1747-1808), Hans Thomas Hahs (1760-?) aber auch Hans Hansen Schuster (gest. vor 1890) und Claas Niels Mungard (1817-1903) – um nur wenige der vielen Sylter Schuhmacher und Schuster zu nennen.

Ein Schuster repariert gewöhnlich nur Schuhe, während der Schuhmacher diese herstellt und auch eine Ausbildung durchlief. Viele Familiennamen lassen heute noch auf von Vorfahren ausgeübte Gewerke schließen. Die Nachnamen entstanden im Mittelalter, als die Bevölkerung in vielen Teilen Deutschlands stark anstieg. Aus dem Schuster Hans wurde dann Hans Schuster oder eben Hans Schuhmacher. Müller, Wagner, Küfer, Schwertfeger (Waffenschmied), Glaser oder Müller sind weitere Beispiele. Der Schuhmacher hatte seine Werkstatt meist in einer Ecke der Wohnstube auf der Schusterbühne aufgebaut. Auf seinem Arbeitstisch befand sich neben den Werkzeugen die Schusterkugel – eine mit Wasser gefüllte Glaskugel. Die Kugel vergrößerte den Lichtschein der hinter ihr stehenden Lichtquelle wie Kerze oder Petroleumlampe. Dadurch erhielt er mehr Licht für die zum Teil sehr diffizilen Arbeiten. Um ihren Lebensunterhalt aufzubessern, gingen die meisten Schuster und Schuhmacher noch anderen Tätigkeiten nach. Nicht selten finden sich daher auch bei den Syltern weitere Berufsangaben, die in der Landwirtschaft oder Seefahrt verortet sind. Der in Wenningstedt lebende Rinken arbeitete zusätzlich als Polizeidiener.

Es gab sie schon zu Beginn der Industrialisierung in Schleswig-Holstein – die Zentren der Schuhherstellung: Um 1800 war jeder zweite männliche Barmstedter im Schuhhandwerk tätig. Um 1850 waren in der Stadt Preetz 160 selbständige Schuhmachermeister, 360 Gesellen und 160 Lehrlinge tätig. Fernab von Sylt wirkte die Industrialisierung auch auf dieses Handwerk massiv ein und sorgte für „Schuhfabriken“. Der Einsatz von Nähmaschine, Lederwalze, Sohlenausstanzmaschine, um nur wenige zu nennen, ermöglichten eine fabrikmäßige Herstellung von zunächst Schuhoberteilen und später dann kompletten Schuhen. Mit Hilfe der Maschinen wurde die Produktion schneller und gegenüber der Ware des Schuhmachers preisgünstiger. Auch die Herstellung der Schuhleisten wandelte sich grundlegend. Wohl als eine der bekanntesten Schuhleistenfabriken dürfte das Fagus Werk im niedersächsischen Alfeld gelten. Nicht nur wegen der Leisten, sondern auch wegen des Architekten Walter Gropius, der 1911 mit dem Bau ein wegweisendes Gebäude der „modernen Architektur“ in Stahl- und Glaskonstruktion entwarf, das bald unter Denkmalschutz gestellt wurde und inzwischen auch als Weltkulturerbe gilt. Fagus ist lateinisch und heißt Buche. Buchenholz dient bis heute, neben Kunststoffen und Lindenholz, der Leistenproduktion.

Der Beruf des Schuhmachers wandelte sich immer stärker zum Schuster. Die übergroßen Seestiefel der Kapitäne wurden fortan auf die Insel importiert. Der Schuhmacher wurde verstärkt zum Flickschuster, d.h. er reparierte und besserte getragene Schuhe wieder auf.
Zuletzt gab es auf Sylt noch vier Schuhfachgeschäfte mit Reparaturannahme. Mit der Schließung Ende Juni 2011 des Schuhgeschäftes Lunk in der Westerländer Norderstraße verloren jedoch viele Sylter und Inselgäste ein geschätztes Spezialfachgeschäft, das noch einen Schuhmacher beschäftigte. Als Soldat blieb Lunk auf der Insel und eröffnete 1947 den Schuhhandel, der ausgewählte und hochwertige Schuhe bis Größe 53 anbot! Urlauber bestellten schon vorab oder während ihres Aufenthalts ihre Schuhe, die sie in den Zentren wie Berlin nur sehr schwer erhielten.

Inventarnummer: 2011-109
Datierung: 1739
Material: Holz
Maße: 90 x 22
Technik: gesägt, geschnitzt
Hersteller: unbekannt
Standort: Sölring Museen/Sylt Museum, Depot

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