Der Ziegenstall in Kampen | Krippe

Der Ziegenstall in Kampen | Krippe

Der Ziegenstall in Kampen | Krippe 1847 2048 Sölring Museen Sylt
Krippe aus dem Kampener Ziegenstall

März 2018

2017 waren es 125 Jahre. Dieses Jahr sind es 40 Jahre. Gertrud Valesca Samosch erblickte am 11. Januar 1892 in Berlin das Licht der Welt. Diese Welt sollte fortan ihre Bühne werden. Und das war sie auch bis bis zum 18. März 1978, als die Polizei die bedeutende und einst umtriebige Jahrhundertkünstlerin tot in ihrer Kampener Wohnung auffand. Eins der meist gelesenen Zitate von Valeska lautet: „Ich will leben, auch wenn ich tot bin“. Sie führt zeitlebens eine sehr eigenwillige Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass sich auch ihr Leben irgendwann dem Ende zuneigen wird. Bereits als Jugendliche war ihr angst und bange, dass sie zu früh stirbt und nicht ausreichend auf der Bühne tanzen durfte. In ihrem biografischen Rückblick „Die Katze von Kampen“ endet sie wieder mit der Sinnfrage und ihrer Angst nicht lange genug zu leben.

Rückblickend hat Gert dies aber sicher 86 Jahre mehr als zufriedenstellend geschafft. Der Kampener „Ziegenstall“ war zuletzt ihre Bühne und beherbergte das Museumsobjekt des Monats März. Von Beginn an war diese eigenwillige Konstruktion von Bar-Tisch, eine Art Futterkrippe, ein Ausstattungsmerkmal dieses besonderen Lokals. Eben diese Ziegenkrippen waren es, die dem „Ziegenstall“ zu ihrem Namen verhalfen. Gekreuzte Beine und in der Mitte ein flacher Trog, um die Getränke und Nüsse abzustellen. Jedes Tischchen hatte seine eigene farbliche Gestaltung. In diesem Falle dominiert der Rotton in der Gestaltung.

Die Einrichtung des Ziegenstalls war sowieso sehr eigenwillig und nicht wirklich geprägt von den sonst so klassisch-friesischen Einrichtungen, die auf Sylt den Ton angaben. An den Wänden hingen mit frischen Heu befüllte Traufen, als Sitzmöbel dienten dreibeinige Schemel oder Heusäcke, die Bar-Theke war aus schlichtem rohem Holz grob gezimmert und das Farbkonzept war recht eigenwillig. Alles in allem erinnert eher an eine Berliner Kellerkneipe statt Kampener Champagnerbar. Die grauen Wände waren aufgekratzt und mit bunten Buchstaben bemalt, trugen Graffitis, Schriftzüge und zwischendurch fand sich auch der ein oder andere Hinweis, auf die verfügbaren Getränke und Speisen. So schien die Küche die „weltbeste Gulaschsuppe“ zu kochen, an der Bar wurde„Henkell trocken“ für 54 DM, Gin und Whiskey ausgeschenkt. Die obligatorische Champagnerflasche gab es für 100 DM. Als politisches Statement wurde kurzerhand „fuck for piece!“ auf die Wand notiert. Wen wundert’s noch, dass die Getränkekarte das Zielpublikum ganz beiläufig mit dem Aufdruck „Zutritt nur für Verrückte“ definierte.

In Berlin eroberte Valeska ab 1918 die Bühnen. Schauspiel, Grotesktanz, Kabarett – sie begeisterte mit ihrer neuen Ausdrucks- und Tanzform das Publikum und hielt Kontakt zu anderen Größen aus der Kulturszene. Ihr erster Ehemann, der Arzt Helmuth von Krause (1893-1980), erwarb schließlich 1930 in Kampen für Valeska ein Sommerhaus. Kampen war nach Gerts Schilderungen in den frühen 1920er Jahren noch „ein kleines primitives Fischerdorf“, es war „arm und klein. Nur ein paar Häuschen standen dicht auf kräftig duftendem Heidekraut. Kaum ein Garten, kaum ein Strauch, kaum ein Baum. […] Mal im Kurhaus, mal im Roten Kliff war sonnabends Ball. Das war ein richtiger Dorfschwoof mit kräftiger Bläserkapelle.“ Immerhin avancierte Kampen aber zu einem Künstlerdorf. Valeska Gert musste aber, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen Deutschland und schließlich auch Europa verlassen. Zum einen war sie jüdischer Herkunft, zum anderen entsprach ihre Kunst in keiner Weise den Vorstellungen der Herrschaft. Sie galt es entartete Künstlerin. Währenddessen „hatte man eine Nazifamilie“ in ihr Kampener Haus gesetzt. Gert kehrte nach Ende des Krieges wieder nach Europa zurück und eröffnete in Berlin die „Hexenküche“. Ihr Versuch in Kampen beruflich Fuß zu fassen scheiterte zunächst. Außerdem fand sie ihr Haus in einem völlig heruntergekommenen Zustand vor. Die Gemeinde Kampen verweigerte ihr ein Lokal zu eröffnen. Gemeinsam mit dem Bildhauer Rieck, der später die Kupferkanne zunächst illegal eröffnete, bemühte sie sich dennoch intensiv darum und gewann schließlich den Prozess. Jetzt durfte Sie ihren zukünftigen Ziegenstall eröffnen, erhielt von Gemeinde aber kein Grundstück, um entsprechende Räume zu bauen. Kurzerhand baute Gert das Untergeschoss ihres Hauses um. Sie konnte oder wollte sich in der ersten Zeit keine Kühlschränke anschaffen, so dass sie auf die morgendlichen Eisblock Lieferungen angewiesen war, die vor der Tür abgelegt wurden. Da Valeska lange schlief, war das Eis dann oft am Nachmittag schon wieder weg.

Valeska in einem Brief (1973) an den Journalisten Werner Höfer: „Warum ich schreibe? Nie hat mich irgend etwas so bewegt und erregt wie der Gedanke an die Vergänglichkeit. Ich will bleiben. Darum tanzte ich, darum gröhlte, sang ich, darum spielte ich, darum scheibe ich. Vielleicht, dachte ich, liest jemand meine Bücher, wenn ich tot bin, und vielleicht liebt er mich. Aber ach, ich mußte erkennen, daß schon „1000“ Jahre genügen, um vergessen zu werden.“ Jährlich vergibt die Akademie der Künste in Berlin eine Valeska Gert Professur. Das Sylt Museum widmet Valeska einen ganzen Raum. Diese Ausstellungseinheit wird noch in diesem Jahr durch eine Medienstation ergänzt. Das jüngste Valeska Gert-Projekt realisierte die Lübeckerin Marion Hinz, die mit ihrem Projekt aus Tanz und Film eindrucksvoll an Valeska erinnerte.

Inventarnummer: 2011-447
Datierung: nach 1950
Material: Holz, Lack
Maße: 51 x 90 x 22 cm (hxlxt)
Technik: gesägt, genagelt, geleimt
Hersteller: unbekannt
Standort: Sölring Museen/Sylt Museum, Ausstellung

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